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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 by Aristotle, 384 BC-322 BC - 1. Weiterhin muß die _epische Dichtun...

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921

1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten...

2. All diesen Forderun­gen hat _Homer_, sowohl als er­ster wie in genü­gen­der Weise, Eech­nung ge­tra­gen. Denn er hat jedes sein­er Gedichte de­mentsprechend an­gelegt, die _Il­ias_ ein­fach und lei­dvoll, die _Odyssee_ ver­flocht­en --beruht sie doch ganz auf Erken­nun­gen--und charak­ter­schildernd. Dazu kommt, daß sie im sprach­lichen Aus­druck und in der Gedanken­bil­dung alle (an­deren Epen) übertrof­fen haben.

[Side­note: c. 24, 3. Das Epos.]

3. Was nun die _Kom­po­si­tion_ an­be­langt, so un­ter­schei­det sich die epis­che Dich­tung (von der Tragödie) in be­tr­eff ihrer _Aus­dehnung_ und ihres _Vers­maßes_. In bezug auf die _Aus­dehnung_ dürfte die bere­its angegebene Be­gren­zung hin­re­ichend sein, näm­lich, daß man im­stande sein müsse An­fang und Ende zu überblick­en. Dies wäre der Fall, wenn ein­er­seits die Kom­po­si­tionea von gerin­ger­er Aus­dehnung als die der al­ten (Epik­er) (S. 54) wären, an­dr­er­seits dem Gesam­tum­fang der für eine einzelne (Tages-) Vorstel­lung ange­set­zten Tragö­di­en gle­ichkä­men.

4. Für die Aus­dehnung des Um­fangs kommt nun der epis­chen Dich­tung fern­er eine gewisse Eigen­tüm­lichkeit sehr zu stat­ten, in­sofern es in der Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich gle­ichzeit­ig zuge­tra­gen haben, nachah­mend darzustellen, son­dern nur den Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schaus­piel­ern ab­spielt. In der epis­chen Dich­tung dage­gen als ein­er erzäh­len­den Darstel­lung kann man viele sich gle­ichzeit­ig vol­lziehende Teile vor­führen, wodurch, falls sie in­ner­lich zusam­men­hän­gen der Kör­per des Dichtwerks stat­tlich­er wird, so daß dieser (vorteil­hafte) Um­stand sein­er Prach­tent­fal­tung di­ent, den Zuhör­er in einen Stim­mungswech­sel ver­set­zt und das Gedicht durch un­gle­ichar­tige Episo­den er­weit­ert; ist es doch das nur zu rasch sät­ti­gende Ein­er­lei, das den Mißer­folg von Tragö­di­en zu ver­schulden pflegt.

5. Was aber das _Vers­maß_ an­be­langt, so hat sich das hero­is­che (der Hex­am­eter) er­fahrungs­gemäß als das angemessene er­wiesen. Denn wollte je­mand in ir­gend einem an­deren Vers­maße eine erzäh­lende Dich­tung nachah­mend darstellen oder gar in mehreren, so würde das un­passend er­scheinen. Denn das hero­is­che ist von allen Vers­maßen das gemessen­ste und gewichtvoll­ste, we­shalb es auch vorzugsweise Glossen, Meta­phern und Zusätze aller Art aufn­immt; sticht doch auch die erzäh­lende nachah­mende Darstel­lung (selb­st) ger­ade darin von an­deren dich­ter­ischen Darstel­lun­gen ab. Der jam­bis­che Trime­ter und der trochäis­che Tetram­eter haben einen be­weglichen Charak­ter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz, jen­er zum Han­deln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn je­mand aller­hand Vers­maße un­tere­inan­der (S. 55) mis­chen würde, wie dies _Chaire­mon_ getan. De­shalb hat auch noch nie­mand eine lange (epis­che) Kom­po­si­tion in einem an­deren als dem hero­is­chen Vers­maß gedichtet, son­dern die Natur selb­st hat, wie wir sagten, das jen­er zusagende Vers­maß zu wählen gelehrt.

6. _Homer_, wie er in vie­len an­deren Din­gen lobenswert ist, ist es auch darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Un­klaren darüber ist, _was er selb­st zu tun habe_. Der Dichter soll näm­lich _so wenig wie möglich in eign­er Per­son re­den_, denn nicht nach dieser Rich­tung hin ist er ein nachah­mender Darsteller. Die übri­gen (epis­chen) Dichter dage­gen treten durchgängig in eigen­er Per­son auf und stellen da­her nur weniges und auch das nur gele­gentlich nachah­mend dar. Jen­er aber (Homer) führt nach ein­er kurzen Ein­leitung so­fort einen Mann oder ein Weib oder ir­gend eine an­dere Fig­ur ein, und zwar nicht ohne Charak­tereigen­schaft, son­dern mit einem (bes­timmt aus­geprägten) Charak­ter.

[Side­note: c. 24, 7. Das Epos.]

7. In der Tragödie muß man das _Wun­der­bare_ darstellen in der epis­chen Dich­tung dage­gen hat vielmehr das _Ver­nun­ftwidrige_, auf dem in der Haupt­sache das Wun­der­bare beruht, seinen Platz, weil man (daselb­st) nicht auf den Han­del­nden seine Blicke wen­det; wie denn z.B. die Vorgänge bei der Ver­fol­gung _Hek­tors_[70] auf der Bühne dargestellt einen lächer­lichen Ein­druck machen wür­den, auf der einen Seite die still­ste­hen­den und nicht ver­fol­gen­den Man­nen, auf der an­deren ein­er[71], der ab­winkt. Im Epos dage­gen bleibt das Wider­sin­nige (eines solchen Vor­gangs) ver­bor­gen, denn das Wun­der­bare er­regt Wohlge­fall­en. Ein Be­weis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzäh­ler übertreiben, in der Ab­sicht damit zu er­freuen.

8. Im beson­deren hat _Homer_ auch die an­deren (Epik­er) belehrt, wie man (zweck­mäßig) _Un­wahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem _Trugschluß_. Die Men­schen glauben näm­lich, da, wenn ein er­stes (A, die er­ste Prae­misse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite Prae­misse) ein­tritt, daß nun eben­so, falls das Spätere (B) wirk­lich ist, auch das Frühere (A) wirk­lich ist oder geschieht. Das ist aber ein Fehlschluß. Falls näm­lich das er­ste (A) falsch ist, et­was an­deres (B) aber--die Richtigkeit des er­sten (A) vo­raus­ge­set­zt --notwendi­ger­weise wirk­lich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B) hinzufü­gen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser Geist, daß nun auch das er­ste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist fol­gen­des aus der Badeszene[72] <....>

9. Endlich muß man dem _un­möglichen Wahrschein­lichen vor dem möglichen Unglaub­haften den Vorzug geben_. Allerd­ings darf man nicht die Stoffe auf ver­nun­ftwidrige Einzel­teile auf­bauen, sie sollen wo möglich über­haupt nichts Ver­nun­ftwidriges en­thal­ten, wenn aber dies nicht möglich, so möge es (wenig­stens) außer­halb der (eigentlichen) Hand­lung Hegen, wie z.B. (das Ver­nun­ftwidrige) im _Oidi­pus_, seine Un­ken­nt­nis näm­lich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht in­ner­halb des Dra­mas, wie z.B. in der Elek­tra[74] die Berichter­stat­tung über die pythis­chen Spiele oder in den _My­sern_ der Mann, (S. 57) der stumm von Tegea bis Mysien wan­derte.[75] Zu sagen, daß son­st die Fa­bel in die Brüche gehen würde, wäre al­so lächer­lich, man muß eben von vorn­here­in keine de­rar­ti­gen Fa­beln an­le­gen. Hat man es aber den­noch getan und er­scheint das Stück im all­ge­meinen glaub­würdig, so mag man auch das et­wa Ver­nun­ftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die Un­zuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der Aus­set­zung[76] (des schlafend­en Odysseus) ab­spie­len (1460b) so­fort in die Au­gen fall­en, wenn ein min­der­wer­tiger Dichter sie ver­faßt hätte. Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch an­dere Vorzüge das Ver­nun­ftwidrige ver­süßt und dadurch (dem Be­wußt­sein) en­trückt.

10. Dem _sprach­lichen Aus­druck_ soll der Dichter seine _beson­dere Sorgfalt in den in­halt­sleeren Teilen zuwen­den_, d.h. solchen, die wed­er durch Charak­ter­schilderung noch durch Gedanken sich ausze­ich­nen. An­dr­er­seits würde freilich ein al­lzu glänzen­der Stil sowohl die Charak­terze­ich­nung wie den Gedanken­in­halt ver­dunkeln.

* * * * *

KAPI­TEL XXV

[Side­note: c. 25, 1. Das Epos, Prob­leme und Lö­sun­gen.]

1. Über die _Prob­leme_[77] (kri­tis­che Be­denken) und deren _Lö­sun­gen_ (Wider­legun­gen), auf wie vie­len und wie beschaf­fe­nen Gesicht­spunk­ten sie beruhen, wird man sich durch fol­gende Be­tra­ch­tung ein klares Bild machen kön­nen. Da näm­lich der Dichter eben­so wie der Maler oder ir­gend ein an­der­er bild­schaf­fend­er (S. 58) Kün­stler ein nachah­mender Darsteller ist, so muß er notwendi­ger­weise stets eine bes­timmte von _drei_ möglichen Arten nachah­mend darstellen, näm­lich en­twed­er (1) _wie die Dinge waren oder sind_ oder (2) _wie man sagt, daß sie seien_ oder _wie sie zu sein scheinen_ oder (3) _wie sie sein sollen_. Diese Dinge wer­den nun dargestellt durch die all­ge­mein ge­bräuch­liche Aus­druck­sweise oder auch durch Glossen und Meta­phern oder was es son­st noch von Wand­lun­gen des sprach­lichen Aus­drucks gibt, denn diese (Frei­heit­en) ges­tat­ten wir ja den Dichtern.